Vorgeschichte | 1945-52

Inge Scholl, Otl Aicher, Max Bill und namhafte Persönlichkeiten arbeiten am Konzept, Finanzierung und Struktur einer neuen Hochschule.

»Hochschule für Gestaltung: Ihr Aufgabenkreis umfasst jene Gestaltungsgebiete, welche die Lebensform unseres technischen und industriellen Zeitalters weitgehend bestimmen. Die Form der Geräte, mit denen wir umgehen, die Wohnung, die Anlage einer Siedlungseinheit, einer Stadt oder Region, das gedruckte und gesprochene Wort in Presse und Rundfunk, die Wirkung des Bildes in Publikationen, in der Werbung, in Ausstellungen und im Film bilden für die geistige Mentalität der Gesellschaft entscheidende Grundlagen.« (Exposé der Geschwister-Scholl-Stiftung, 1951)

Beginn | 1953-55

Die Hochschule für Gestaltung Ulm mit Max Bill als Rektor nimmt 1953 ihren zunächst provisorischen Unterricht in Räumen der Volkshochschule auf. Am 02.10.1955 findet die offizielle Eröffnung und eine erste Ausstellung im neuen Gebäudekomplex am Oberen Kuhberg statt. Fachliche Kompetenz und Internationalität prägen das Bild der Hochschule von Anfang an.

Den Ausgangspunkt für die Ausbildung bildet der einjährige Grundkurs. Nach diesem entscheiden die Studierenden, welche Fachrichtung er sich zuwenden will: Information, Visuelle Gestaltung (später Visuelle Kommunikation), Produktform, Architektur oder Stadtbau. All diese Abteilungen überschneiden und ergänzen sich hinsichtlich ihrer Arbeit und bilden gemeinsam einen geschlossenen Kreis. Die theoretischen Fächer Soziologie, Ökonomie, Politik, Psychologie und Philosophie ergänzen das Lehrangebot.

Technologisches Design | 1956-58

Die jüngeren Dozenten leiten eine neue Phase der HfG ein. Eine engere Beziehung zwischen Gestaltung, Theorie und Wissenschaft wird angestrebt. Das »Ulmer Modell« deutet sich bereits an: Die »Entwicklungsgruppen« werden eingeführt, die Zusammenarbeit mit Wissenschaft, Industrie und Technikern prägen den Unterricht und die Ergebnisse.

In der Zeit zwischen 1956 und 1958 lehrten u. a.: Aicher, Bense, Bill, Fröshaug, Gugelot, Kesting, Leowald, Maldonado, Pfeil, Scheidegger, Staub, Vordemberge-Gildewart, Wachsmann und Zeischegg.

Hans Gugelot

Hans Gugelot, 1956

Tomás Maldonado

Tomás Maldonado, 1955

Friedrich Vordemberge-Gildewart

Friedrich Vordemberge-Gildewart, 1955

 

Kybernetisches Design und Positivismus* | 1959-61

(* Begriff nach dem Phasenmodell Otl Aichers. archithese 15, 1975.)

Die Entwicklungen im Unterricht führen zu starren Arbeitshypothesen und pragmatischer Detailarbeit. Ein wissenschaftlicher Positivismus, eine »Verwissenschaftlichung der Lehre« macht sich breit und ergreift die Vorherrschaft über die Gestaltung.

Wertbestimmtes Design und Programmdesign* | 1962-66

(* Begriff nach dem Phasenmodell Otl Aichers. archithese 15, 1975.)

Ein ausgeglichenes Verhältnis zwischen Wissenschaft und Gestaltung, zwischen Theorie und Praxis wird angestrebt. Neue Gebiete, wie Massentransport, Elektronik und ökologische Themen prägen den Unterricht. Die Finanzlage wird kritisch.

Aula
Sax
Mensa

Leben an der HfG, um 1964

Ende | 1967-68

Rettungsversuche und neue Programme für den Erhalt der HfG. Der Druck von außen wächst. Nach Einschränkung des Lehrbetriebs und Verkleinerung des Lehrkörpers lehnen die verbleibenden Dozenten 1968 aus finanziellen und personellen Gründen eine Aufnahme des Lehrbetriebes gänzlich ab. Im Oktober 1968 fasst der Landtag den Beschluss, die HfG nicht mehr zu unterstützen.

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demo1
 

Demonstration vor dem Stuttgarter Landtag, 1968

Erbe der HfG

»Hoffnung auf Demokratie stand am Anfang der Ulmer Schule ... Max Bill hat Raum dafür geschaffen, und vermutlich sicherte der abrupte Untergang des pädagogischen Experimentes, ähnlich wie beim Bauhaus, die weltweite Ideenstreuung. Wie von heimlichen Buschtrommeln angelockt, strömten junge Frauen und Männer aus Europa, Nord- und Südamerika, Großbritannien und Japan in die schwäbische Provinz an den Born eines vermuteten und erlernbaren Wissens. Alle haben das Programm in ihre eigene Umwelt mitgenommen.«

(Margit Weinberg Staber, ehem. HfG-Studentin)

 

1945-1952

struktur

Ausbildungsschema für die Hochschule für Gestaltung, 1951

1953

1. April. Max Bill wird erster Rektor.
29. April. Der Landeshaushalt Baden-Württemberg wird im Plenum des Landtages verabschiedet. Darin enthalten sind auch 800.000 DM für den laufenden Unterhalt der HfG für 3 Jahre.
3. August. Der Lehrbetrieb beginnt mit einem Grundkurs von Walter Peterhans.
8. September. Baubeginn auf dem Gelände am Oberen Kuhberg.

1954

Plakat, 1954

Plakat, 1954

1955

HfG-Gebäude

HfG-Gebäude, 1955

Erster Unterricht im Gebäude am Oberen Kuhberg.
Juli. Landesausstellung in Stuttgart. Der Pavillon der Stadt Ulm wird von Max Bill zusammen mit Otl Aicher und Friedrich Vordemberge-Gildewart entworfen.
August. Deutsche Rundfunk-, Fernseh- und Phonoausstellung in Düsseldorf. Die Firma Braun erregt mit ihren modernen, an der HfG unter der Leitung von Hans Gugelot entworfenen Phonogeräten großes Aufsehen.
2. Oktober. Offizielle Einweihung der Hochschulgebäude auf dem Oberen Kuhberg. Walter Gropius hält die Eröffnungsrede. Ausstellung von HfG-Produkten im neuen Gebäude.

1956

März. Max Bill tritt als
Rektor der HfG zurück. Die Leitung der Hochschule übernimmt ein Rektoratskollegium, dem Otl Aicher, Tomás Maldonado, Hans Gugelot und Friedrich Vordemberge-Gildewart angehören.

HfG-Hocker

HfG-Hocker, 1955

1957

Max Bill verlässt die HfG wegen unüberbrückbarer Meinungsverschiedenheiten über den pädagogischen Aufbau und das Lehrprogramm der Schule.

6. Juli. Eröffnung der Internationalen Bauausstellung in Berlin. Unter der Leitung von Hans Gugelot stattet die HfG zwei Musterwohnungen aus.

SK 4

SK 4, 1956

Juli. Grand Prix der XI. Triennale Mailand für acht Produkte der Max Braun AG Frankfurt, an deren Gestaltung Hans Gugelot und Otl Aicher maßgeblich beteiligt waren.

Oktober. Werkbundtagung SWB und DWB Baden-Württemberg

1958

Oktober. Ersterscheinen der HfG-Zeitschrift »ulm«.
Ausstellung zum 5-jährigen Bestehen der Hochschule in der Mensa des HfG-Gebäudes.
Es erscheint die Broschure »Selbstdarstellung HfG«.

SK 4

Ausstellung 1958

1959

Erste Rundfunk- und Fernsehsendungen über die HfG.

1960

Juli. HfG-Ausstellung Triennale Mailand.
Aufbau und Entwicklung des Sektors Film innerhalb der Abteilung Visuelle Kommunikation.
Vorträge von HfG-Dozenten beim Weltkongress für Design in Tokio.
Anteil der weiblichen Studenten ca. 12 %.
Anteil der ausländischen Studenten ca. 40 %.

1961

Ersterscheinen der HfG-Studentenzeitung »output«.
Spezialisierung der Grundlehre. Kulturpreis des Bundesverbandes der Deutschen Industrie an Hans Roericht für die Diplomarbeit »Gestaltung eines Hotelgeschirrs«.

TC100

TC 100, 1959

1962

Eine neue Verfassung für die HfG tritt in Kraft, das Rektoratskollegium wird abgelöst durch einen Rektor. Diese Funktion übernimmt Otl Aicher.

Studentenwohnheim

Studentenwohnheim, 1961

1963

Plakat zur Ausstellung, 1963

Plakat zur Ausstellung, 1963

HfG-Wanderausstellung in Stuttgart und Ulm.
Es erscheint der »Katalog einer Wanderausstellung«.
Ausbau des Sektors Film/Fernsehen.
März. Heftige Angriffe gegen die Hochschule in der Presse. Der Landtag legt ein 10-Punkte-Ultimatum vor, andernfalls sollen die Zuschüsse gestrichen werden. Die HfG entspricht den Auflagen.
Die Broschüre »Information 63« erscheint.

1964

Wanderausstellung der HfG in der Neuen Sammlung München.

Plakate »paix et amitie« Plakate »paix et amitie« Plakate »paix et amitie«

Plakate »paix et amitie«, 1964

1965

HfG-Wanderausstellung im Stedelijk-Museum Amsterdam.

Gitterorientierte Schalenflächen

Gitterorientierte Schalenflächen
Walter Zeischegg
1963-65

1966

Zur IAA in Frankfurt präsentieren zwei ehemaligen HfG Studenten mit Autonova »fam« einen neuen Fahrzeugtyp.
Die Geschwister- Scholl-Stiftung ist hochverschuldet.

Autonova fam

Autonova »fam«, 1966

1967

Otl Aicher verlagert seine Entwicklungstätigkeit nach München. Beginn der Arbeit für das Erscheinungsbild der Olympiade München 1972.
Die Filmabteilung macht sich selbständig als Institut für Filmgestaltung.
Der Landtag fordert die Angliederung der HfG an die Ingenieurschule. Die Bundeszuschüsse werden gestrichen, die finanzielle Situation ist unhaltbar.

Stapelbarer Aschenbecher

Stapelbarer Aschenbecher, 1967

1968

Oktober. Die HfG-Dozenten lehnen wegen unzureichender finanzieller und personeller Voraussetzungen die Aufnahme eines regulären Studienbetriebs ab. Der Rektor teilt mit, dass Mittel und Planstellen für einen ordnungsgemäßen Lehrbeginn nicht mehr vorhanden seien.
November. Das Kabinett des Landtags fasst den Beschluss, die Zuschüsse für die HfG zu streichen. Der Hochschulbetrieb wird daraufhin eingestellt.

Bushaltestelle

Bushaltestelle, 1968